Das Setting soll Konflikte erahnen lassen und gleichzeitig eine für den Leser sichere, abwägbare Umgebung bilden. Die Figuren sollen vielschichtig sein, nicht vorhersehbar handeln und vor allem Konflikte lösen (bzw. auslösen), in die der Leser sich aufgrund seines eigenen Erfahrungsschatzes leicht hineindenken kann. Dabei möchte der Leser natürlich neue Erfahrungen sammeln und sich selbst als Held von einer neuen Seite erleben.
Nicht zuletzt soll der Spannungsbogen tragfähig sein, die Handlung darf nicht zu wirren Beschreibungen werden usw usf.
Was aber, wenn wir all diese Eckpunkte konstruiert haben und nun noch immer das Gefühl haben, dass die Geschichte nicht lebt?
Ein Merkmal könnte sein, auf welches sich Marcus Juhanus in seinem Autorenblog bezieht:
Ein wirklich guter Text kann mit wenig Worten einen Gedanken, ein Gefühl oder ein inneres Bild bei der Leserin auslösen, weil es genau die richtigen Worte sind, die die Fantasie befeuern.Das mag die halbe Wahrheit sein, kommt aber der Realität aus meiner Sicht noch nicht so richtig nahe.
Herausragende Autorinnen vertrauen auf ihre Leserinnen, dass sie mitdenken und mitfühlen und mit ihrer Fantasie ergänzen, was weggelassen wird. Die besten Texte stehen nicht auf dem Papier, sondern entstehen im Kopf der Leserinnen.
Viel besser (und, wie von Marcus gewünscht, in wenigen ausdrucksvollen Worten) erklärt es Haruki Murakami im Interview mit der Zeit:
Ich empfange Nachrichten von der anderen Seite. [...]Und dann fügt Murakami noch hinzu:
Ich bin nicht religiös. Ich glaube nur an die Vorstellungskraft. Und daran, dass es nicht nur eine Realität gibt. Die wirkliche Welt und eine andere, irreale Welt bestehen zugleich, sie hängen ganz eng miteinander zusammen. Manchmal vermischen sie sich. Und wenn ich es will, wenn ich mich stark konzentriere, kann ich die Seiten wechseln. Ich kann kommen und gehen. Das passiert in meiner Literatur. Darum geht es. Meine Geschichten spielen mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, und ich bemerke den Unterschied nicht einmal mehr.
Es geht darum, was beim Schreiben passiert. Um die Dinge, die mir in meiner Vorstellungskraft begegnen und beim Erzählen der Geschichte helfen. [...]Ich glaube daran, wie er, dass eine gute Geschichte schon real ist, bevor sie niedergeschrieben wird. Mit einigen Autorenkollegen konnte ich in den letzten Jahren die Erfahrung teilen, dass manche Figuren sich einem gerade zu aufdrängen. Man sieht sie mit dem inneren Auge, hört sie sprechen. Sie brauchen den Dialog und sagen oft: "Schreib das jetzt!"
Es ist wie im Animismus. Die Dinge kommen zu mir, ohne dass ich sie rufe. Ich muss mich nur sehr darauf konzentrieren.
Andere sieht man höchstens, wenn man sich konzentriert. Sie zeigen einem vielleicht, was sie gerade tun. Ihre Mimik bleibt manches Mal unsichtbar und auch ihre Gefühle springen nur selten auf uns Autoren über. Dann muss die Erkenntnis folgen, dass die Figur nicht zur Kommunikation bereit ist und auch im Roman nur eine aufgezwungene Rolle spielen wird, weil wir das wollen. Es ist sinnvoller, sie einmal zum Gespräch einzuladen und ihre Wünsche dann zu respektieren. Das heißt, etwas an eurer Idee stimmt noch nicht, ihr solltet euch selbst Zeit geben, das alles zu überdenken und in euch hinein zu horchen.
Das ist der Grund, warum manche Geschichte bereits seit Jahren unfertig auf meinem Schreibtisch liegt. Irgendwann kommt der richtige Moment und dann wird alles fließen.
Wir sind wie spirituelle Medien. Wir kommunizieren mit einer unsichtbaren Welt - oder mehreren - und helfen den Figuren, ihre Geschichte aus einem ganz neuen Blickwinkel zu erleben.
Manchmal möchten sie mit der Geschichte jedoch auch eine Botschaft übermitteln. Die ist eindrucksvoller, wenn sie nicht im Imperativ daher kommt.
Es ist meine Passion, nach Geschichten zu suchen, die von selbst leben. Lebendige Figuren und funktionierende Welten werden nicht erdacht oder konstruiert und das spürt man als Leser. Ich wünsche uns allen viel, viel mehr von diesen Geschichten.
Außerdem hoffe ich, dass auch die Botschaft von so erfolgreichen Autoren weithin wahrgenommen wird. Es gibt viele Schüler da draußen - mich eingeschlossen. Wir alle streben nach einer wirklich, wirklich gelungenen Geschichte. Aber manchmal ist Anstrengung und Zwang (auch bekannt unter dem Decknamen Disziplin) nicht der richtige Weg. Denn manchmal musst du langsam gehen, um schneller voran zu kommen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.